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»Am Anfang stand ein Schuldgefühl, Täterkind zu sein. Warum ist es nicht gelungen, dieses Schuldgefühl in ein kollektives, kritisches Schuldbewusstsein zu verwandeln, das den Opfern die Treue hält? Mir steht Schweiss auf der Stirn, ich weiss es nicht.« Detlev Claussen, Im Hause des Henkers, in: Die Verlängerung von Geschichte, 1983
Die Bitte, in einer linken, antirassistischen Zeitung einen Artikel zu dem Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge und die Reaktionen, die er nicht auslöste, zu schreiben, ist mit einer gewissen Zumutung verbunden. »In Deutschland gibt es nach Auschwitz Antisemitismus«, »Die Gleichgültigkeit der Linken« und auch »Der Antisemitismus der Linken« sind alte Kamellen und jede/r die es wissen will, das für neu hält, die/den das noch wundert, kann es in zahllosen Aufsätzen und Büchern nachlesen.
Doch einiges ragt diesmal über das unerträglich Alltägliche noch hinaus. Neu daran ist die besondere Beschaffenheit des Anschlags, und dass er sich - die Nachfolgetaten von Nürnberg, Köln, Berlin und anderswo deuten darauf hin - als Markierung dessen erweisen könnte, was als »Ende der Schonzeit« bezeichnet wird. Auch die Reaktion der Linken, also ihr totales Schweigen, ist bemerkenswert: Mit ihrem Nichtverhalten zu dem ersten Brandanschlag auf eine Synagoge seit 1938 scheint auch ihre Verdrängung des Antisemitismus als gesellschaftlicher Realität eine neue Dimension erreicht zu haben.
Was hat sich elf Jahre nach dem Eingangszitat von Detlev Claussen in Deutschland verändert? Es sind nicht mehr die 68er, die agieren und die damals an der Entwicklung eines kollektiven, kritischen Schuldbewusstseins scheiterten, sondern die Kinder der Täterkinder, an deren politischem Anfang meist nicht einmal mehr dieses Schuldgefühl stand. Oma und Opa brauchen auch nicht länger mit der Frage gequält werden, was sie denn »damals« gemacht haben, weil 1994 auch die Enkelkinder mitgemacht haben - beim Schweigen in Deutschland.
Im neuen Deutschland schien mensch sich bislang auf eine gewisse Arbeitsteilung verlassen zu können: Erst kam der Pogrom, dann der Aussenminister, der beteuerte, dass Deutschland ausländerfreundlich sei und eine Woche später kam in den betroffenen Ort eine linke Grossdemo. Mit Lübeck geriet dieses in Hoyerswerda und Rostock bewährte Programm durcheinander: Weder liess sich die Tat damit rechtfertigen, dass die Opfer zuvor in deutsche Vorgärten geschissen hätten, noch liess sie sich als ein Alkoholexzess erklären. Die TäterInnen wussten offenbar vom bevorstehenden Passah-Fest, sie wussten, wann die Polizei ihre Runden fährt, sie wussten, wohin sie die Brandsätze werfen mussten. Auch der Aussenminister stolperte über die Besonderheit der Tat. Mahnte er zunächst noch routiniert, die Tat schade dem Ansehen Deutschlands im Ausland, verplapperte er sich anschliessendj mit der Forderung, deswegen müssten jetzt alle Deutschen ein Zeichen setzen - gegen Ausländerfeindlichkeit. Doch dass er damit en passant die in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden zu Ausländern erklärte, fällt hierzulande nicht weiter auf. Spontan demonstrierten in Lübeck ein paar tausend, in Berlin tausend Menschen in Schweigemärschen. So richtige Empörung wollte sich aber nicht einstellen.
Erst recht nicht bei denen, die sonst nicht viel brauchen, um auf die Straße zu gehen. In wahrhaft avantgardistischer Weise übertraf die Linke die floskelhaften Peinlichkeiten von offizieller Seite durch konsequentes Nichtstun und radikales Schweigen. Das will gedeutet werden. Immerhin: Die taz fragte sich »Warum bleiben wir zu Hause?«. Immerhin: Wolfgang Wieland (Bündnis90/Die Grünen) erklärte »Am ersten Tag der Osterferien waren sicherlich auch einige schon nicht mehr in Berlin«. Immerhin: Viele radikale AktivistInnen hatten 'ne bessere Ausrede, als den Osterausflug. Sie waren gerade voll mit der Solidarität für das kurdische Volk oder mit der Verhinderung der »Fussballschlacht an Führers Geburtstag« beschäftigt.
Die einen wollen als AntifaschistInnen gegen Nazi-Aufmärsche protestieren, und schaffen es nicht einmal mit Anführungsstrichen, das libidinöse Verhältnis der Deutschen zu Adolf Hitler zu kappen. Die anderen können gegen die deutsche Kurdenpolitik nicht Widerspruch formulieren, ohne das Unvergleichbare zu bemühen: Ich kenne die Leute nicht, die ein Flugblatt mit der Überschrift »Endlösung der Kurdenfrage« herausgaben, aber, was auch immer sie sich dabei gedacht haben, funktionalisieren sie die Erinnerung an die Barbarei für ihre Politik. Unbewusst oder bei vollem Verstand - also aus schlechtem Gewissen oder in geübter Gewieftheit - haben diese Links-Noltes ihre Überschrift als Zitat der türkischen Ministerpräsidentin gekennzeichnet oder eben getarnt. Was von solcherlei Entlastungshilfe für die deutsche Seele bestenfalls übrigbleibt, ist nicht grösseres Interesse für die Verfolgung der KurdInnen, sondern hört sich aus dem Mund eines volltrunkenen Müsli-Deutschen in einer Kreuzberger Kneipe dann so an: »Ja, gestern haben wir es mit den Juden gemacht, dann die Juden mit den Palästinensern und jetzt machen's die Türken mit den Kurden«.
Das deutsche Geschäft der Geschichtsentsorgung - diesmal mittels Übertragung auf die Situation der KurdInnen - geht aber noch deftiger: »Die Deportationen mit allen Mitteln stoppen«, echauffieren sich »Autonome Kommunisten für Sozialismus statt Barbarei« in der interim 280, und haben herausgefunden: »Der staatliche Angriff gegen KurdInnen, die sich gegen den koordinierten deutsch-türkischen Vernichtungsfeldzug wehrten, hält Vergleichen mit den Massnahmen gegen Juden und Jüdinnen in den Jahren 1933/36 stand«. Wieder einmal müssen neue Opfer her, um die Opfer der Deutschen vergessen zu machen, was mir schon meine Mutter erfolglos beizubringen versuchte, die wusste: »Die Amerikaner haben z.B. die Indianer ausgerottet«.
Aber meinen linken, geschichtsbewussten Freunden reicht es nicht, das Wort Deportation zu gebrauchen, wenn von Abschiebung die Rede sein müsste, sie wollen auch nicht nur Wounded Knee mit Auschwitz vergleichen, sie ruhen nicht eher, als bis sie auch die Gewichtung der Verbrechen festgeschrieben haben. Was sind schon »Massnahmen gegen Juden« gegen einen »koordinierten deutsch-türkischen Vernichtungsfeldzug«. Für ähnliches wurde Ernst Nolte vor kurzem noch ins Krankenhaus geschickt.
Das gibt es in der Linken, ist aber glücklicherweise nicht typisch für die notwendige Kurdistan-Solidarität. Das ist zugegeben alles überspitzt und an herausgegriffenen Extrembeispielen vorgeführt. Es erklärt vor allem nicht, warum all die anderen, die sich davon nicht getroffen fühlen, die das nie so sagen würden, gleichwohl geschwiegen haben! Eines der meistgehörten Argumente ist, dass mensch sowieso antifaschistisch und antirassistisch sei und handle. Was hat das aber mit der Wahrnehmung - oder sogar Bekämpfung - des Antisemitismus zu tun? Ohne Zweifel gibt es Berührungspunkte, Nahtstellen zwischen Rassismus und Antisemitismus, der Nationalsozialismus ist ohne ihn nicht vorstellbar und in Deutschland kann aktuell beobachtet werden, warum die Definition nationaler Identität nicht ohne die dazu notwendige Ausgrenzung anderer funktionieren kann. Das einzige Flugblatt, das auf der Berliner Schweigestunde zu Lübeck verteilt wurde, und in dem schlicht Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde begründet wurde, stammte dann auch von einer türkischen Organisation. Von deutschen AntirassistInnen höre ich dagegen eine Mischung aus Projektion und latent-agressiver Abwehr. Man dürfe das eine nicht gegen das andere ausspielen, höre ich. Der Antisemitismus sei ein Spezialfall, nämlich der Rassismus gegen Juden. Nun ist mir seine theoretische Ein-, Unter- oder sonstwie-Ordnung reichlich schnuppe, wenn denn gegen den Antisemitismus überhaupt etwas getan würde. Solange das in Deutschland aber nicht der Fall ist, der existente Antisemitismus nicht einmal wahrgenommen wird, solange ist diese Haltung nichts anderes, als ein Sich-Verstecken hinter Oberbegriffen.
Dieses Nichtwahrnehmen des Antisemitismus wird verstärkt durch die Ausblendung der hier lebenden Jüdinnen und Juden. Die »projektive Ausweisung« wird am deutlichsten, wenn Jüdinnen und Juden automatisch und reflexhaft mit Israel identifiziert werden. Dem Staat also, an dem die Deutschen vor allem bemäkeln, dass seine BetreiberInnen, also Jüdinnen und Juden, offenbar durch die deutschen Vernichtungslager nicht genügend geläutert worden sind und diese nicht als bessere Menschen verlassen haben - einfach unverbesserlich! Wenn im Antifa Info Blatt im Sommer 91 endlich ein Artikel zum Thema erscheint, dann muss im selben Heft ein zweiter mit dem Titel »Zur jüngsten Entwicklung der israelischen Siedlungspolitik«, und auch der unter der Rubrik »Antisemitismus«, folgen - eben unverbesserlich.
Manchmal führt das zu grotesken Wortschöpfungen, wie auf einem Flugblatt gegen die Abschiebung von über Israel eingereisten sowjetischen Jüdinnen und Juden aus der BRD. Die AutorInnen lösen ihr Dilemma - eigentlich den PalästinenserInnen neue »Siedler« vom Hals halten zu wollen, dafür aber mal Jüdinnen und Juden unterstützen zu müssen - mit der sinnigen Parole: »Gegen Semitismus und Antisemitismus«. In Deutschland über Antisemitismus zu reden, ohne auf Israel zu kommen, scheint nicht möglich zu sein, aber im Zweifelsfall geht es auch schon mal ohne die Jüdinnen und Juden: Wie etwa in dem Aufruf der Antifaschistischen Initiative Moabit, die zum 9. November 1991 zu einer Demonstration zum Deportationsmahnmal in Berlin-Moabit aufrief, viel über den Pogrom damals schrieb, aber das Kunststück fertigbrachte, mit keinem Wort zu erwähnen, wessen Geschäfte und Synagogen damals brannten und wer damals deportiert worden ist.
Wenn selbst eine solche Verdrängungsleistung zu schaffen ist, dann verwundert auch das letzte Argument, nämlich das der späten Geburt nicht mehr. Bei Linken wird der Glaube, quasi ausserhalb der Geschichte zu stehen, höchstens noch um die Variante ergänzt, dass mensch sich - auf die positive Seite schmuggelnd - auf den antifaschistischen Widerstand bezieht. Mal abgesehen davon, dass für diesen Widerstand - zumindest den deutschen - Auschwitz keine wesentliche Rolle spielte, dieser Rückbezug also inhaltlich wenig taugt, abgesehen auch davon, dass es die erste Generation ist, die behauptet, von ihren Eltern keine Werte/Vorstellungen mitbekommen, sondern sich alle selbst geschaffen zu haben, abgesehen schliesslich davon, dass die Vehemenz mit der sie sich rechtfertigen, nur durch einen entsprechend grossen Entlastungsdruck erklärbar ist, lügen sich die TrägerInnen dieser Haltung selbst etwas vor. Selbst ein Teil der Relativierung und Historisierung von Auschwitz, fällt ihnen nicht auf, wenn der BGH alle Formen der Leugnung von Auschwitz für legal erklärt, die nicht identisch mit der NS-Rassenideologie seien. Von »Schindlers Liste«, der ihre Wunde aufdeckte und deshalb von »Welt« bis »interim« unisono kritisiert und abgewehrt wurde, erholt sich die intellektuelle Linke dann bei »Balagan«, juchzend, wie frivol und unverklemmt doch junge Israelis mit dem Holocaust umspringen können. Das möchte mensch klammheimlich auch seit langem, und wer bis zu einer deutschen »Balagan«-Variante nicht warten will, kann sich im Berliner Eiszeit-Kino solange den Nazi-Streifen» Triumph des Willens« reinziehen. Frei von der Einsicht einer Verantwortung, handeln sie im Realfall dann eben verantwortungslos, sie schweigen zu Deutschland.
Im Jahr 1994 wird die Lübecker Tat nicht die einzige und letzte sein; dieser Brand wird nicht der letzte sein. Klar ist, dass die neofaschistischen Parteien im Wahljahr '94 alles auf die antisemitische Karte setzen. Schon konkurrieren Schönhuber und NPD-Decker um die Rolle des gerissensten Volksverhetzers, schon klebt die Deutsche Liga Fahndungsplakate gegen Ralph Giordano. Wenn um den 20. April in der Berliner Levetzowstraße das jüdische Mahnmal zweimal hintereinander beschmiert werden kann, und dabei Polizei und »Antifaschistischer Selbstschutz« sich im Desinteresse treffen, wenn in Dortmund erneut ein jüdischer Friedhof geschändet, in Nürnberg Deportationsbescheide an jüdische Familien und ImmigrantInnen verschickt werden, ohne dass es Reaktionen gibt, zeigt das nur, dass das Nichtverhalten zu Lübeck keine Ausnahme, sondern die linke Regel ist. Inwieweit Lübeck das Ende der Schonzeit markiert, den Übergang von Friedhofsschändungen und anonymen Drohungen zu Angriffen gegen die hier lebenden Jüdinnen und Juden und ihre Einrichtungen, hängt jedenfalls nicht zuletzt davon ab, ob es noch wirklichen Protest gegen diese Zustände geben wird, also davon, ob es gelingt, die Tradition von Verdrängung, Projektion, Abwehr und Entlastungsstrategien zu durchbrechen, und das Einfache zu entwickeln, was in Deutschland so unsäglich schwer scheint: Empörung.
»Früher war alles anders«, sagt mir mein Freund beim Bier. »Du hast damit ja irgendwo recht, aber vielleicht ist es ein gewisser Fortschritt, wenn die Linke heute die Synagoge ignoriert, wenn ich da an früher denke ...«. Recht hat er. Vor 25 Jahren erklärten die »Schwarzen Ratten TW« (Tupamaros Westberlin), die Aktionen »sind nicht mehr als rechtsradikale Auswüchse zu kritisieren, sondern sie sind ein entscheidendes Bindeglied internationaler Solidarität ... Der wahre Antifaschismus ist die klare und einfache Solidarisierung mit den kämpfenden Feddayin ... Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten geworden«. Am 31. Jahrestag der Novemberpogrome, in der Nacht des 9. Novembers 1969 beschmierten die wahren AntiFaschisten daher jüdische Gedenkstätten und deponierten eine Brandbombe - im Jüdischen Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße.
veröffentlicht in ZAG, Zeitung antirassistischer Gruppen, Juni 1994;
© by Roman Moos
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