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Alexander Bergmanns Rede zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 1997:DIE VERGESSENEN JUDEN IN RIGA -Zur Situation der baltischen Holocaust-Überlebenden |
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Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüsse Sie! Zwei Vorbemerkungen: Ich habe vor, etwas über die Lage der Überlebenden des Holocaust in Lettland zu erzählen und über ein spezielles Thema, über das ich gestern in Bonn im Wasserwerk dem Bundestag berichtet habe - das Problem der Entschädigung. Und noch eine Vorbemerkung: Wenn ich in meinem Bericht das Wort Verantwortung sage, bedeutet es nicht, dass ich von einer individuellen Verantwortung spreche. Es bedeutet auch nicht, dass es um eine Verantwortung des deutschen Volkes geht. Ich spreche von der Verantwortung, die das demokratische Deutschland freiwillig auf sich genommen hat, nämlich Rechtsnachfolgerstaat des nazistischen Deutschlands zu sein. Ich vermute, dass vieles von dem, was ich Ihnen sagen will, Ihnen schon bekannt ist. Vom Holocaust spricht man viel in Deutschland. Es ist ein aktuelles Thema, besonders an einem Tag wie heute. Und ich glaube, dass es so richtig ist. Was während der Nazizeit geschah, darf nicht vergessen werden. Und in diesem Sinne ist Deutschland meiner Meinung nach heute ein Muster im Nichtvergessen, und zwar im verbalen Nichtvergessen. Was mich aber sehr betrübt, ist die unheimliche Diskrepanz zwischen richtigen und ich hoffe auch aufrichtigen Worten und einer nicht verständlichen Gleichgültigkeit gegenüber den wenigen Überlebenden des Holocausts. Richtige Worte und keine Taten. Ich vertrete heute als Sprecher die Überlebenden in Lettland, aber auch die Überlebenden in den beiden anderen Staaten des Baltikums, Litauen und Estland, die mich bevollmächtigt haben, auch in ihrem Namen zu sprechen. Als praktizierender Rechtsanwalt, der schon ein halbes Jahrhundert als Rechtsanwalt tätig ist, bin ich schon mental auf Kritik eingestellt. Und deshalb will ich mich schon am Anfang entschuldigen: Ich habe nicht die Absicht, jemanden zu verletzen, aber gar nicht. Und zur selben Zeit muss ich Ihnen ehrlich sagen, dass mein Herz voll Bitterkeit ist. Vor dem Krieg lebten in Lettland 95.000 Juden. In Riga gab es eine blühende jüdische Gemeinde. Wir hatten unser Gemeindewesen, unzählige Synagogen, Gebetshäuser, Schulen, öffentliche Anstalten. Es war eine gute Gemeinde. Ich kann persönlich darüber sprechen, weil mein Vater an dem gesellschaftlichen Leben Lettlands aktiv beteiligt war. Er war Lehrer, Schuldirektor, so dass ich als Kind vieles miterleben konnte. Es wäre ungerecht, wenn ich sagen würde, dass die Gemeinde von Deutschen zerstört wurde. Es geschah etwas früher. Am 17. Juni 1940 kam die Rote Armee nach Lettland, und am 18. Juni gab es schon keine jüdischen Schulen, keine jüdischen Gesellschaften und Parteien usw. mehr. Am 14. Juni 1941, ein paar Tage vor dem Krieg mit Deutschland hat die Sowjetregierung sehr viele Letten, Juden, Russen aus Lettland nach Sibirien deportiert. Prozentual waren es dabei die Juden, die am meisten litten. Man hatte Angst, dass diese Leute politisch nicht zuverlässig seien. Am 22. Juni 1941 wurde der Krieg entfacht, und am 1. Juli 1941 wurde Riga schon von der deutschen Armee eingenommen. Vier Tage dauerte es, und ich verlor meinen Grossvater. Er war 74 Jahre alt. Er wurde aus seiner Wohnung gezerrt, ins Polizeipräsidium gebracht und dort erschossen. Ein Mensch, der niemandem ein Leid angetan hat. Das einzige, was er tat: er war in der jüdischen «Volksküche» tätig - es gab damals für arme Leute eine Küche, wo man ihnen ohne Geld Mittag gab. Er war die Vertrauensperson in dieser Küche. Aber man hat ihn nicht seiner gesellschaftlichen Aktivitäten wegen erschossen. Einfach: er war ein Jude. Ein alter Jude. Das berüchtigte Ghetto von Riga, wo später auch sehr viele deutsche Juden ihr Ende erwartet haben, wurde im Oktober 1941 eingerichtet, aber es existierte als grosses Ghetto mit 30.000 Juden nur eineinhalb Monate. Der 30. November und der 8. Dezember 1941 bleiben für immer in unserem Gedächtnis. Das sind die Tage, an denen wir unsere Familien verloren haben: meine Mutter, mein jüngerer Bruder, meine Grossmutter, meine unzähligen Verwandten. Sie alle wurden am 8. Dezember 1941 vernichtet, im Wald von Rumbula, am Rande Rigas. Und so ging es weiter. Den Krieg überlebten etwas; mehr als ein Prozent der Juden, die in den Machtbereich der deutschen Armee und der deutschen Polizei in Lettland geraten waren. Ich glaube, das ist das schlechteste Ergebnis in ganz Europa. Persönlich war ich zwei Jahre im Ghetto, von 1941 bis 1943, dann im KZ Kaiserwald, das am Rande eines Villenviertels von Riga erbaut wurde, dann im KZ Stutthof nahe Danzig. Und das letzte KZ war Buchenwald. Im April 1945 entlief ich, und so bin ich heute hier und stehe vor Ihnen. 50 Jahre Sowjetzeit folgten nach dem Krieg ohne jedes gesellschaftliche jüdische Leben. Das einzige, was die Juden durften: in der einzigen Synagoge, die noch in Riga existierte, beten. Und auch das war nicht besonders erwünscht. Aber Sie wissen, die Zeiten ändern sich. Seit 1988, in der Zeit der Perestroika, konnten wir uns wieder unserem jüdischen Leben widmen. Eine jüdische Gemeinde wurde in Riga gegründet. In der Stadt leben heute zirka 15.000 Juden, allerdings vermindert sich ihre Zahl immer mehr. Nur ein Teil, kaum die Hälfte sind lettische Juden. Die anderen sind in der Sowjetzeit zugewandert, weil es in Lettland den Menschen wirtschaftlich etwas besser ging als in den anderen Republiken. Nachdem die Gemeinde wieder existierte, dachten wir an die wenigen NS-Überlebenden in Lettland, die meisten waren in der ganzen Welt zerstreut: hauptsächlich in den USA, aber auch in Deutschland und in Israel. In Lettland lebten noch etwa 130 ehemalige Ghetto-Häftlinge, die sich im Jahre 1989 in einem Verein verbanden. Heute sind wir noch 88 Überlebende mit dem durchschnittlichen Alter von 72 Jahren. Jünger können wir lettischen Juden allerdings nicht sein, man konnte nur dann überleben, wenn man damals mindestens 16 Jahre alt war, d.h. heute 72 oder älter. Aber da bei uns zugewanderte ehemalige KZ-Häftlinge leben, z.B. aus der Ukraine, die manches Mal als Zweijährige den Holocaust überleben konnten, erniedrigen sie unser durchschnittliches Alter. Ich spreche nur deshalb davon, weil die meisten unserer Leute noch älter sind als ich - das bedeutet, dass sie gebrechlicher sind, das bedeutet, dass sie für sich nichts machen können und das bedeutet, dass so ein Verein, wie wir ihn gegründet haben, lebenswichtig für sie ist. Unser erstes Ziel, unser Hauptziel ist gegenseitige Hilfe. Wir kümmern uns um unsere Leute. Von den 88 Menschen sind über 60 chronisch krank - ich spreche nur von physisch-chronischen Krankheiten, nicht von psychischen Krankheiten. Mehr als 20 Leute sind alleinstehend. Bettlägerig sind acht Leute. Im letzten Jahr hatten wir sechs Todesfälle. Einer von uns hat errechnet, dass in vier, höchstens fünf Jahren wir alle verschwunden sein werden. Und dann wird auch das Thema Entschädigung vom Tisch sein. Es bleibt allerdings ungewiss, ob damit das moralische Problem aufgehört hat zu existieren. Unser zweites Ziel, ich will es nicht verheimlichen, ist, eine Entschädigung von Deutschland zu bekommen. Das dritte Ziel ist - und das ist auch ein sehr wichtiges Ziel- den Leuten zu helfen, die Juden während des Krieges gerettet haben. Es gibt heute noch 30 Menschen in Lettland, die im Jerusalemer Yad Vashem als «Die Gerechten» anerkannt sind, und wir denken, dass es unsere moralische Pflicht ist, ihnen zu helfen. Sie haben uns damals geholfen, dabei war ihre Hilfe immer mit dem Risiko, ihr Leben zu verlieren, verknüpft. Unser viertes Ziel ist, unsere «heiligen Stätten» instandzuhalten. Es gibt zwei besonders heilige Stätten für uns. Die erste ist die ehemalige Synagoge in Riga, die man die Choral-Synagoge nannte. Sie wurde am 4. Juli 1941 niedergebrannt mit 500 Menschen drin. Wir haben 1993 aus der Erde die Ziegel ausgegraben und sie als Memorial wieder aufgestellt. Die zweite heilige Stätte ist Rumbula, der Wald am Rande Rigas, in dem unsere Familienangehörigen vernichtet wurden. Wo heute nur Asche geblieben ist, die wir wieder zu Gräbern gemacht haben, wohin wir einmal im Jahr, am letzten Sonntag im Novembers alle hingehen, um an unsere Lieben zu denken. Der 4. Juli ist in Lettland als der Gedenktag an den Holocaust gesetzlich verankert. Aber im Unterschied zu Deutschland fragt man dort, wenn an diesem Tag die Fahnen mit schwarzem Flor an den Häusern wehen, wer gestorben sei. Niemand weiss, worum es geht. Der Holocaust spielt in Lettland im Gegensatz zu Deutschland keine Rolle. In diesem Sinn seid Ihr Deutsche wirklich ein Muster. Wenn wir heute noch irgendwie existieren, wenn unsere katastrophale Lage so katastrophal nicht ist, dass wir nicht leben könnten, dann dank der Spender. Und die Spender sind fast alle aus Deutschland, die uns Geld zufliessen lassen und die uns auch moralisch unterstützen. Denn das Geld, das wir bekommen, bezeugt, dass es Leute gibt, die mit uns fühlen, die Solidaritätszeichen setzen. Und das ist für uns sehr wichtig. Entschädigung von der Bundesrepublik Deutschland haben wir bisher keine erhalten. Jetzt komme ich zu diesem Thema, und gerade dieses Thema bringt mich in eine schreckliche Verbitterung. Deutschland hat sich eine grosse Last aufgebürdet. Das Erbe des Naziregimes ist wirklich schwer. Aber Deutschland hat gesagt: Ja, wir sind verantwortlich für das, was durch Deutsche während des Krieges passierte. Wir müssen auch die Leute, die heute noch am Leben sind, entschädigen. Und das ist richtig so. Ich spreche nicht von «Wiedergutmachung», weil das Wort nicht trifft. Was kann man schon wiedergutmachen? Aber entschädigen kann man wohl. Und Deutschland tut es. Und jetzt versuchen wir uns zu erklären, woher in Deutschland eine solche Vorliebe für Selektion stammt. Wissen Sie, während der Nazizeit, und heute ist ein Auschwitz-Tag, da gab es eine Selektion. Sie hatte wenigstens vom Standpunkt der Nazischergen aus einen Sinn, eine Logik. Die einen, die Arbeitsfähigen, wurden für eine Zeit abgesondert von denen, die nicht mehr arbeiten konnten und gleich vernichtet wurden. Aber sagen Sie mir bitte: Wie kann man erklären, dass auch heute im demokratischen Deutschland, das sich so strikt distanziert hat vom Naziregime, die NS-Opfer gleichsam durch Selektion getrennt werden. Die einen sind ehemalige KZ-Häftlinge, die im Westen leben: sie werden entschädigt. Denen sagt man: Schön, kommt zur Kasse, wir helfen euch! Die, die im Osten leben, denen sagt man: Entschuldigen Sie bitte, aber wir können ihnen nicht helfen. Ihre kümmerliche Lage - nicht unser Problem. Sie existieren nicht für uns! Wir können es nicht verstehen, und es ist auch nicht zu verstehen. Wie kann man heute die Frage so stellen, dass der jetzige Wohnort der einzige Prüfstein ist, ob wir ein Anrecht auf eine Entschädigung haben oder nicht? Man sagt uns: Ja, wenn ihr heute übersiedelt, dann habt ihr Anrecht auf eine Entschädigung, wenn ihr aber dort bleibt, wo ihr geboren seid, wo eure Heimat ist, habt ihr kein Anrecht auf eine Entschädigung. Wer kann mir folgendes erklären? Wir sind zwei aus unserer Familie, die den Krieg überlebt haben, mein älterer Bruder und ich. Wir beide waren in demselben Ghetto, wir beide waren in denselben KZs. Der eine von uns lebt in Münster und bekommt Rente. Der zweite ist in Riga geblieben, unter anderem auch deshalb, weil er seinen Kollegen helfen will, die sich selbst nicht helfen können, der kann keine Rente bekommen. Man bezieht sich auf Gesetze und Verträge, die es nicht erlauben. Wir sagen: Welche Gesetze können eine solche Absurdität erklären? Ändert die Gesetze! Tilgt die Formel, dass nur der eine Entschädigung bekommt, der im Westen lebt! Man sagt, es sei unmöglich. Manchmal, wenn den Beamten dünkt, dass eine solche Erklärung nicht haltbar ist, dann sagen sie auch anderes. Wie in dem Brief von der Bundestagspräsidentin Frau Süssmuth. Dort steht, Lettland gehöre nicht zu den Staaten, die unter der Naziverfolgung besonders gelitten hätten. Jetzt wiederhole ich, was ich schon gesagt habe. Bei uns haben im Krieg etwas mehr als ein Prozent das Naziregime überlebt. In welchem Land gibt noch weniger als ein Prozent Überlebende? In demselben Brief stand noch eine andere Erklärung, warum man uns die Entschädigung verweigert. Lettland sei kein Nachbarstaat von Deutschland. Das kann ich nicht kommentieren, weil ich es einfach nicht verstehe. Vor kurzem las ich in einer lettischen Zeitung - es stand auch in deutschen Zeitungen -, dass der jüdische Weltkongress von Deutschland Daten über die Renten ehemaliger SS-Angehöriger, die jetzt im Ausland leben, angefordert hat. Da kam mir in den Kopf die Idee, einen kleinen Vergleich zwischen diesen SS-Leuten und uns Überlebenden zu ziehen. Man sagt, die SS-Leute - ich spreche von Waffen-SS-Angehörigen - seien alle in die deutsche Armee eingezogen worden, sie seien also Leute, die gegen ihren Willen für Deutschland kämpften. Als ob wir freiwillig ins Ghetto oder in die KZs gegangen seien. Im übrigen, weiss ich ganz genau, wer meine Mutter, meinen Bruder und alle anderen Verwandten erschossen hat. Gerade diese Leute wurden später in die Waffen-SS-Verbände eingegliedert. Deutschland sagt: Wir können keine Daten geben wegen dem Datenschutz. So geschieht nichts, um diese Massenmörder von den anderen abzusondern. Denn nicht alle SS-Angehörigen waren Massenmörder. Es waren auch Bauernsöhne darunter, die tatsächlich gegen ihren Willen in die deutsche Armee eingezogen wurden. Man sagt uns, ja, wir zahlen aber nur an Kriegsversehrte. Aber wer sind eigentlich Kriegsversehrte? Ich will Euch nur drei Vorgänge schildern, die mit mir passierten. Mein KZ-Leben ist nichts Außergewöhnliches. Es ist ein ganz - wenn man so sagen kann - normales KZ-Leben, ich habe nicht mehr gelitten als alle anderen. Ich schildere diese Ereignisse jetzt nur, damit Sie selbst urteilen können, ob wir Holocaust-Überlebende Kriegsversehrte sind oder nicht. Vorgang Nr. 1: Sommer 1942. Ich schufte schon ein ganzes Jahr beim Befehlshaber der Ordnungspolizei Ostland, und man schickt mich und noch einen Kollegen zum höheren SS- und Polizeiführer Ostland, dem berüchtigten Mörder SS-Obergruppenführer Jeckeln, um im Garten seiner Villa das Gras zu schneiden. Er wohnt im selben Kaiserwald, in dem sich unser KZ befand. Wir werden dahin geführt. Der betrunkene Adjutant von Jeckeln lässt uns beide ein Grab für jeden von uns nach unseren Massen stechen. Wir stechen das Grab, ich etwas schneller als der andere, weil ich kleiner von Wuchs bin. Er sagt, legt euch hin, fuchtelt mit der Pistole, schiesst über unsere Köpfe, aber er erschiesst uns nicht. Vorgang Nr. 2: Es ist Juli 1943. Ich bin im KZ Kaiserwald, und ich glaube, dass die SS als erste begriff, dass der Krieg verloren war. Da fingen sie an, die Spuren zu tilgen. In Rumbula werden alle Leichen ausgegraben und verbrannt. Das Kommando, das diese Arbeit macht, heisst «Stützpunkt». Es sind Juden, die danach selbst verbrannt werden. Am laufenden Band. Es ist nicht so einfach, 30-, 40-, 50.000 Leichen auszuscharren und zu verbrennen. Wie rekrutiert man dieses Kommando? Meistens beim Morgenappell oder beim Abendappell. Wenn sie die Mütze nicht rechtzeitig heruntergenommen haben, dann schreibt man ihre Nummer an, und beim nächsten Transport nach «Stützpunkt» kommen sie dran. Wenn sie beim Kommando «Stillgestanden» sich bewegen, weil sie müde sind, dann nimmt man die ganze Fünferreihe und schreibt auch sie an. Einmal war es so, dass man die Reihe, die rechts von mir stand, angeschrieben hat und die Reihe, die links von mir stand. Niemand von diesen Leuten kehrte je ins KZ zurück. So ging es jeden Tag. Und jeden Tag dachten wir, kommt unsere Reihe dran, oder können wir noch einen Tag bis zum Abend leben. Im August 44 kamen mein Vater, der noch am Leben war, ich und alle übrigen 150 Mann aus dem Außenkommando zurück ins KZ Kaiserwald. Das ganze Kommando wurde nach «Stützpunkt» geschickt, auch mein Vater. Nur drei Mann wurden ausgesondert: mein Freund, der heute in Paris lebt, ein zweiter Freund, der im letzten Jahr in Jerusalem gestorben ist, und ich. Vorgang Nr. 3: KZ Stutthof. Ich habe sehr hohes Fieber und meIde mich krank. Man schickt mich in das sogenannte Krankenrevier. Am zweiten Tag habe ich schon kein Fieber mehr, aber es gefällt mir im Revier besser als auf dem Gelände: weil es dort sehr kalt ist, weil man dort geschlagen wird, weil man hier in einem Bett liegt und nicht so friert. Ich bleibe und klopfe die Temperatur hoch. An diesem Tag wurde das Revier geräumt, und alle Insassen wurden ins Krematorium geschickt. Auch im KZ gibt es humane Traditionen. Den zum Tode Bestimmten gibt man die Abendration, eine Scheibe Brot, und auch die Morgenration des nächsten Tages, den sie nicht erleben werden. Ich ass beide Rationen auf. Auf dem Papier waren wir 30. De facto waren wir 32. Zwei wurden abgesondert. Ich war einer dieser beiden. Ich frage Sie: Bin ich kriegsversehrt oder nicht? Ich erzähle Ihnen nichts von Schlägen, nichts von Foltern, die ich überlebt habe, nichts von Hunger, Läusen, von unmenschlichen Verhältnissen, in denen wir arbeiteten. Ich erzähle Ihnen nicht, dass ich am Ende dieses Krieges lungentuberkulosekrank war und bis an mein Lebensende Rheuma habe. Ich frage nur, wer kriegsversehrt ist. Wir oder die Waffen-SS-Leute, die in der ganzen Welt - sie können leben, wo sie wollen - ihre Rente bekommen? Man sagt uns: Ja, aber sie bekommen die Rente aus einem anderen Posten des Haushalts. Ich frage mich, ist das mein Problem, aus welchem Posten des Haushalts man mir die Rente, die Hilfe zahlen will? Letzte Woche hatten wir in Bonn eine Pressekonferenz. Dort sagte ich u. a., dass wir am Ende unserer Geduld sind. Dass wir nicht verstehen können, warum die Beamten der deutschen Regierung oder die Mitglieder des Deutschen Bundestages, die heute die Politik machen und insofern die Verantwortung tragen, warum sie uns mit Ausflüchten abspeisen. Aber sie sagen uns eigentlich gar nichts. Wir existieren für die deutsche Regierung nicht. Sie spricht nicht mit uns. Wenn ich Ihnen heute aus dem Brief von Frau Süssmuth zitiert habe: er war nicht für uns gedacht. Er war an den Vorsitzenden des Obersten Sowjets - wir hatten noch eine Zeitlang diese "Parlamentsform» - gerichtet. Ich hatte zwar mit Frau Süssmuth ein sehr kurzes Gespräch, in dem sie uns ihre Hilfe versprochen hat, nämlich einen Fonds einzurichten, das Gleiche hat auch der ehemalige Bundespräsident von Deutschland, Herr von Weizsäcker, versprochen. Man hat nichts getan. Wir haben bis heute keinen einzigen Pfennig erhalten. Dabei ist unsere Lage so, wie sie in einer deutschen Zeitung beschrieben wurde: Wir können entweder Miete zahlen oder Brot kaufen. Ich bin 72 Jahre alt und muss jetzt noch als Rechtsanwalt arbeiten, weil ich alleinstehend bin, und wenn ich von der Rente leben sollte, dann kann ich keine Miete zahlen, wenn ich sie zahle, kann ich kein Brot kaufen, weil meine Miete und die Rente in ihrer Summe gleich sind. Wir können nicht die Logik dieser Politik oder dieser Gesetze verstehen. Wir sagen und schreiben, dass Gesetze nur dann Gesetze sind, wenn sie gerecht sind. Wir haben eine grosse Erfahrung mit ungerechten Gesetze. Zuerst die Nürnberger Gesetze und dann 50 Jahre Sowjetgesetze, denen eine sonderbare Auffassung von dem, was Recht ist, zugrunde lag. Und ich frage mich: Deutschland, das darauf besteht, ein Rechtsstaat zu sein: will Deutschland wirklich ein Glied in dieser Reihe sein? Wir fordern doch nur Gleichbehandlung: nämlich uns dieselbe Rente zu zahlen, die man den ehemaligen Häftlingen zahlt, die im Westen leben, oder uns wenigstens klar und deutlich zu sagen: Ihr habt kein Anrecht, ihr seid Leute zweiter Wahl. Vielleicht wissen Sie, welcher Spruch während der Freiheitskämpfe in Afrika üblich war: Ein guter weisser Mann ist ein toter weisser Mann. Ist nur ein toter ehemaliger Häftling ein guter Häftling? Es werden heute viele schöne Worte gebraucht. Für 14 Uhr war ich eingeladen, im Plenarsaal des Bundestages dabeizusitzen, wenn man über den Holocaust sprechen wird. Ich bin nicht geblieben, weil ich hierher kommen sollte, ich wäre auch ohne diese Aufforderung nicht geblieben, denn wenn man schön spricht und nichts tut, dann nennt man das Heuchelei. Wir fordern, dass man uns sagt, haben wir ein Anrecht auf Entschädigung oder haben wir keines. Es könnte sonst passieren, dass bald, am 100. Jahrestag des berühmten Briefes von Emile Zola anlässlich des Dreifuss-Prozesses wieder jemand aufstehen und ausrufen wird: Ich klage an! Danke. Rede zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 1997 |
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